• kollektiv vier

La tarlatana - Tiefdrucken in Rom

Als ich Ende Oktober an einem Sonntagabend in Rom ankam war es nicht irgendein Sonntag. Es war bis auf weiteres der letzte Sonntag an dem die Restaurants und Bars noch bis um zwölf Uhr offen haben durften. Ab Montag schon, mussten die Kellner die Gäste bitten um sechs Uhr zu gehen. Was ich in der «ewigen Stadt» wollte? Entdecken und sein. Mich ausdrücken über Worte, mit Farben. Ohne Druck, ohne konkrete Vorstellung vom Ziel einfach frei der Spur nachgehen. Zeit haben für die Dinge, die sich im Alltag hinten anstellen müssen.

Das mir das Tiefdrucken gefällt, habe ich während der Ausbildung entdeckt. Die Möglichkeiten sind unendlich, der Prozess hält immer Überraschungen bereit. Das Bild entsteht indirekt. Man bearbeitet zuerst die Kupferplatte, dann macht man einen Abdruck der Platte auf Papier. Mich ziehen die Sinnlichkeit der Materialien in Bann. Die Gegensätze des glatten, kalten, leuchtenden Kupfers im Kontrast zum weichen Papier. Ich mag den Geruch der leuchtenden Ölfarben. Die Geduld und Sorgfältigkeit, welche der Druckprozess fordert, muss ich mir erarbeiten. Ich erwarte jedes Mal gespannt den Moment, wenn das Blatt von der Druckplatte abgelöst wird.



Meine Wohnung lag wenige Schritte hinter dem Campo de`Fiori wo jeden Tag ein Markt stattfand. Direkt unter meiner Wohnung war ein Gemüse-Kühlschrank, wohin die Marktleute in aller Herrgottsfrühe ihre Karren über die Kopfsteinpflaster schoben um ihre Marktstände wieder aufzufüllen. Die Sonne strahlte jeden Tag ihr Herbstlicht in die Gassen und über die Plätze. Ich sass mit meiner Daunenjacke auf der Strasse, trank Cappuccino, kratzte in meine Kupferplatte. Ich machte lange Spaziergänge durch diese ruhige Metropole mit ihren geschichtsträchtigen Bauten. Mir schien es manchmal als wären die Marmorstatuen die ewigen Bewohner dieser Stadt in der Überzahl, so leer waren die Strassen.



Die beiden Werkstätten in denen ich arbeitete hatte ich schon vor meiner Ankunft in Rom angeschrieben. Nun ging ich sie besuchen. Es erforderte etwas Mut, mit all den Fragen konfrontiert zu werden, hatte ich doch noch keine konkreten Vorstellungen von meinem bevorstehenden Projekt. Die winzige Druckwerkstatt auf der anderen Flussseite, welche ich in fünfzehn Minuten zu Fuss erreichte war perfekt für meinen Wiedereinstieg in das Tiefdrucken. Die Stamperia gehört einem Verein von neun aktiven Drucker*innen. An jedem Wochentag findet man eine andere Person in der Druckwerkstatt vor. Sie drucken jeweils persönliche Projekte oder unterstützen Besucher*innen bei ihren Projekten. So lernte ich unterschiedliche Drucker*innen, Herangehensweisen und Bildsprachen kennen. Der Einstieg in meine Arbeit war anstrengend. Den Sinn in meinem Schaffen zu finden fiel mir schwer, obwohl die Lust in den "Flow" zu kommen riesig war. Alleine zu arbeiten hatte ich einfacher in Erinnerung, irgendwie freier. Ich stellte fest, dass die grösste Hürde in mir selbst war.



Ich verbrachte mehr und mehr Zeit in der Druckerei und kam allmählich in Schwung. Immer wieder probierte ich Neues aus, veränderte die Druckplatten, die Farben, das Format. Auf Deutsch gibt es für das Tiefdrucken viele Fachwörter. Natürlich ist das im Italienischen dasselbe. "La tarlatana" ist seit kurzem mein italienisches Lieblingswort. Die "Tarlatana", mit Betonung auf dem ersten A, ist eine grobe Baumwollgase die man zum auswischen der Farbe von oder Druckplatte braucht. Ich habe mit der Technik "punta secca" gearbeitet, welche auf Deutsch "Kaltnadel" heisst, während die Italiener*innen es "trockene Nadel" nennen. Man ritzt, zeichnet und sticht dabei mit einer scharfen Nadel in das Kupfer und es entsteht eine Braue. Um ein Resultat auf dem Papier zu bekommen färbt man die Druckplatte mit Ölfarbe ein. Die Farbe wird wieder weggewischt und bleibt nur in den Vertiefungen und an den Brauen hängen. Dann wird die Kupferplatte mit Papier unter der Druckwalze gepresst: "Ecco", endlich erscheint das Bild.


Auf meinem Nachhauseweg beobachtete ich oft die Vogelschwärme am Himmel. Sie fliegen zu Hunderten über dem Fluss. Sie bilden organische Formen, die sich verziehen, verdichten, überschneiden, aus dem Blickfeld verschwinden, um wieder aufs Neue hinter den Bäumen aufzutauchen. Nie fliegen sie ineinander. "Verkehrsunfälle" gibt es bei den Vögeln nicht. Versammlungsbegrenzung, Abstandsregeln und Tanzverbot betreffen sie auch nicht. Ich beneide sie.



Als ich kurz vor Weihnachten wieder in den Zug Richtung Zürich stieg, war ich etwas wehmütig, meinen lieb gewonnen Alltag in Rom zurückzulassen. Es war schön, soviel Zeit dem Tiefdrucken gewidmet zu haben. Ein Zufriedenheitsgefühl kehrte ein als die Landschaft an mir vorbei sauste.


Eva für kollektiv vier

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