• kollektiv vier

Liebes Logbuch

Aktualisiert: vor 6 Tagen



17.09.20, Do


Alle packen mit an: Wir backen Brot, kochen das Essen für heute Abend vor, räumen die Paddel Boards weg, ziehen das Beiboot an Deck, bringen die Badetücher in Sicherheit, checken das letzte Mal die Windprognose. Jetzt sind wir abfahrbereit. «Anker auf!»



| Zeit: 1400 | Log: 0 Seemeilen | Standort: Cala Portese | Wind: 9kn NNW | Meer: 0m | Segel: Motor | Bemerkungen: Anker auf. Motor an |


So gutes Wetter und Windprognose für unsere Mission. :-) Heute machen wir einen Nachtschlag, damit wir etwa 80 Seemeilen am Stück zurücklegen können. Unser Ziel ist Cala Gonone. Die Ostküste ist mir bekannt von früheren Büssli-Ferien. Ich liebe diese steile Küste mit kleinen traumhaften Buchten und tiefen Schluchten, Kletterrouten direkt am Meer. Juhui, wir kommen!



| Zeit: 1430 | Log: 2sm | Standort: 41°11.502’N 009°30.608’E | Wind: 14kn NNW | Meer: 1m | Segel: Grosssegel, Genua | Bemerkungen: Motor aus. Segel setzen. |


Wir steuern Eivissa, unser Schiff Richtung Osten, weg vom Land. Weiter im Meer draussen ist die Windprognose zum Segeln etwas besser und es hat weniger Verkehr. Die Stimmung ist ausgelassen und alle sind gespannt, was vor uns liegt.


Ich unternehme einige Anläufe in meinem Buch zu lesen. Doch mein Blick schweift mehrfach ab. Der Blick aufs Meer fesselt mich immer wieder. Blau in den schönsten Tönen! Die Wellen beruhigen mich. Ok, manchmal machen sie mir auch Angst. Aber dieses Blau! Da erinnere ich mich an gestern als wir auf der Überfahrt einen Badestopp eingelegt haben. Normalerweise ankern wir in Buchten und baden da, der Meeresgrund im klaren Wasser immer in Sichtweite. Aber diesmal haben wir mitten auf dem Meer angehalten, um uns abzukühlen. Es liegt etwa 400 Meter tief Wasser unter uns. Ich kauere auf der Badeplattform des Schiffes und blicke ins Wasser. Ich sehe nichts als Wasser und etwas Plankton, das vor sich hindümpelt. Gerade eben noch badebereit, schaudert mich plötzlich der Gedanke reinzuspringen. Meine Schwester schaut in mein gequältes Gesicht und muss lachen: «Du hast ja Angst», bemerkt sie. Mein Kopfkino ist bei den Unterwasser-Ungeheuern. Hoschi ruft mir aus dem Wasser zu: «Komm spring rein, es ist sooo schön!» Die Stimmung ist bezaubernd. Ich muss rein und springe kopfvoran ins tiefblaue Meer.


Wie grossartig es ist, dass alleine der Wind im Segel uns vorwärtsbringt. Die andern repetieren die Verkehrsregeln auf See. Ich blicke wieder auf und höre genauer hin und merke mir: Das Schiff, welches das Segel rechts hat muss ausweichen. Und wenn beide in die gleiche Richtung fahren muss das Schiff im Luv (im Wind) ausweichen. Also Lee vor Luv.




| Zeit: 1835 | Log: 27sm | Standort: 41°4.848’N 010°1.875’E | Wind: 18kn NNW | Meer: 2-3m | Segel: Gr, Ge | Bemerkungen: Wenden |


Der Wind zieht nochmals an. Die Wellen auch. Das Schiff schwankt nun ganz schön. Oder liegt es an meinen Fahrkünsten? :-) Mir ist es etwas mulmig zumute. Wie wird es wohl im Dunkeln bei diesen Bedingungen sein? Plötzlich sehe ich uns aus der Vogelperspektive. Wie eine winzige Nussschale treiben wir auf dem Meer gen Süden. «Hoschi, kannst du kurz das Steuer übernehmen?» Ich ziehe meine Schwimmweste an.



| Zeit: 1905 | Log: 31sm | Standort: 41°1.768’N 010°2.182’E | Wind: 18kn NNW | Meer: 2m | Segel: Gr1R, Ge | Bemerkungen: Grosssegel reffen: 1 Ref |


Wir reffen das Grosssegel, verkleinern also die Segelfläche. Danach holen wir das Nachtessen an Deck. Mmh das Essen ist wie immer oberlecker! Zum Glück haben wir es schon vorgekocht. Das wäre ungemütlich geworden, bei diesem Seegang zu kochen.


Michi, Doro, Migi und Patrice verabschieden sich nach dem Nachtessen. Sie übernehmen die zweite Nachtschicht und versuchen etwas Schlaf vor zu holen. Die Sonne ist untergegangen und es dunkelt ein. Der Horizont vorher noch erkennbar verschwindet gänzlich. Heute ist Leermond und dunkel wie in einer Kuh. Unsere einzigen Lichtquellen sind die Sterne, die in der Ferne funkeln und die Lämpchen unserer Navigationsgeräte. Ich bin am Steuer. Gar nicht mal so einfach, denke ich und schiele regelmässig auf die Windrichtungsanzeige um zu prüfen, ob wir auf Kurs sind. Doch mit der Zeit entspanne ich mich, bekomme wieder ein Gefühl fürs Lenken. Wir spielen Connect, schwatzen und lauschen dem Meeresrauschen.



| Zeit: 2225 | Log: 49sm | Standort: 40°43.075’N 010°6.313’E | Wind: 10kn NNW | Meer: 1-2m | Segel: Gr, Ge | Bemerkungen: Grosssegel ausreffen: kein Ref |


Da der Wind abgenommen hat, vergrössern wir das Segel wieder. Ich starte den Motor und steuere in den Wind. Hoschi geht nach vorne zum Baum, um das erste Ref zu lösen. «Pass auf dich auf» schicke ich ihm in Gedanken hinterher und los geht’s. Doch während Rebekka und Hannes das Segel hochziehen, verliere ich die Kontrolle über das Steuer und es drückt uns den Bug weg vom Wind. Mist! Es wird mir schlagartig bewusst, dass ich zu wenig Gas gegeben habe. Während ich wieder versuche Frau der Lage zu werden und mich in der Dunkelheit zu orientieren, vollführt Eivissa eine einwandfreie Pirouetten-Show. Nach der kurzen Aufregung schauen wir uns die GPS-Aufzeichnung der Route an und halten uns die Bäuche vor Lachen. Das verpatzte Manöver sieht aus wie ein Delfinkopf, der eine Brezel isst.


Wir schwatzen weiter, während das Schiff im Wasser dahin rauscht.



| Zeit: 0105 | Log: 54sm | Standort: 40°38.430’N 010°7.086’E | Wind: 10kn W | Meer: 1m | Segel: Gr, Ge | Bemerkungen: Wachablösung |


Und plötzlich ist 01.00 Uhr. Unsere Freunde kommen rauf. Ja, sie konnten etwas vorschlafen. Wir zeigen ihnen auf der Navigationskarte, wo wir sind. In ungefähr einer Stunde können sie wenden. Der Wind hat meine Glieder abgekühlt und sie sind schwer geworden. Ich freue mich aufs Schlafen, bis zur nächsten Schicht. Heute habe ich einiges gelernt. Stolz schlafe ich ein.


Der Motor dröhnt auf. Ich schrecke hoch. Das Knarzen der Seile hört sich grausig an in der Koje. Was ist los? Hoschi dreht sich im Schlaf um und murmelt: «Die haben das schon im Griff». Stimmt. Beruhigt schlafe ich begleitet vom Motorensound wieder ein.


Ich erwache noch einige Male. Trotzdem fühle ich mich aufgewärmt und einigermassen erholt, als der Wecker um halb sechs Uhr klingelt. Ich stehe auf und ziehe mich warm an. Wie nah sind wir wohl unserem Ziel?



| Zeit: 0600 | Log: 76sm | Standort: 40°19.595’N 009°46.337’E | Wind: 14kn WNW | Meer: 1m | Segel: Gr, Ge | Bemerkungen: Wachablösung |


Es ist immer noch dunkel. Eine entspannte Stimmung erwartet uns auf Deck. Sie haben einmal von weitem ein Schiff gesehen, wahrscheinlich ein Frachtschiff. Ansonsten war es ruhig. Der Wind ist in der Nacht einmal zusammengefallen. Jetzt sind sie aber wieder seit etwa eineinhalb Stunden schön mit fünf bis sechs Knoten am Segeln. Wir zielen jetzt auf die Lichter des Städtchens Cala Gonone, die in der Ferne aufgetaucht sind.


Wir sprechen wenig und schauen andächtig zu, wie die Sonne langsam am Horizont aufsteigt. Der Himmel und das Meer färben sich von nachtblau zu hellblau, weiss und gelb, orange und rosarot.


In wenigen Minuten sind wir am Ziel. Wir ziehen die Segel runter und starten den Motor.



| Zeit: 0800 | Log: 81sm | Standort: 40°16.518’N 009°38,079’E | Wind: / | Meer: 0m | Segel: / | Bemerkungen: Ankern. Motor aus |


Während ich den Anker bediene, taucht ein Delfin direkt bei uns am Schiff auf. «Ein Delfin» rufe ich erstaunt. «Schaut!» Er zeigt sich noch zwei Mal und dann ist er weg.




Liebes Logbuch. Ich bin dankbar für die sechs Wochen auf dem Segelschiff. Ich habe mich so lebendig gefühlt, war jeden Tag an der frischen Luft und konnte mich am Meer und dem Himmel nicht sattsehen. Auch bin ich dankbar für alle lieben Leute, die Hoschi und mich, für jeweils zwei Wochen auf dieser Reise begleitet haben. Die gemeinsame Zeit, die sinnhaften und sinnfreien Gespräche, das gute Essen, die vielen Spiele, Ausflüge, Massagen, Yoga-Sessions, das Feiern, Fischen, Baden und Schaukeln mit euch war unbezahlbar. Meine Reiselust ist geweckt. Auf die nächsten Abenteuer.



Mimi für kollektiv vier


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